Augen zu und durch?

“Wer hätte das vor einem Jahr gedacht. Ein Fass Rohöl bei 135 Dollar, Diesel teurer als Benzin und beide unterwegs Richtung 1,60 Euro je Liter.” schreibt Kommentator Günther Strobl heute im Standard. Und weiter: “Inzwischen wird bereits ein Ölpreis von 200 Dollar je Fass für möglich gehalten sowie ein Spritpreis von zwei Euro.” Wir und unseresgleichen, möchte man antworten – aber es wurde nicht gehört. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Nur ein Beispiel: zm November 2006 organisierten wir gemeinsam mit dem Club of Rome zwei Verastaltungen zu den “Grenzen des Wachstums”. Dennis Meadows hatte in seinem „30-Jahre-Update” gerade wieder darauf hin gewiesen, dass die „Grenzen des Wachstums” zwar immer noch vor uns liegen, aber (den ursprünglichen Warnungen entsprechend) zeitlich immer näher rücken. Der „Peak Oil” (das Maximum globaler Ölförderung) sei vermutlich bereits überschritten. Seither weise ich in jedem Vortrag, in jedem Artikel, in jeder Lehrveranstaltung darauf hin.

“Angesichts dieser Entwicklung müssten eigentlich die Grünen ausgelassen feiern.” schreibt Strobl weiter, “Schließlich waren sie es, die schon vor Jahren auf die vermeintlichen Segnungen hoher Spritpreise für die Umwelt hingewiesen und entsprechende Maßnahmen gefordert haben.” Stimmt, aber anders: Nicht nur die Grünen oder das ÖVP-nahe ökosoziale Forum, sondern auch renommierte Wissenschaftler vom Wuppertal Institut über SERI bis zum österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO fordern seit Jahren eine steuerliche Belastung des Energieverbrauchs bei gleichzeitiger Entlastung des Lohnkosten. Und das ist der eintscheidende Unterschied: die Mehrkosten würden nicht zu den Ölproduzenten fließen sondern im Inland bleiben.

Hätte man vor (sagen wir) 15 Jahren auf diese Stimmen gehört, hätte frühzeitig ein Technologie- und Strukturwandel eingesetzt, der den Energiehunger der Industrie deutlich hätte verringern können. Arbeitsplätze hätten gesichert und geschaffen werden können, wie viele Studien zeigen. Die Chance wurde verpasst und die Rohölpreiserhöhung schafft heute das Gegenteil: 9000 Jobs gehen laut WIFO dauerhaft verloren.

Ende April trafen sich erstmals 140 WissenschaftlerInnen aus über 30 Ländern und allen Kontinenten, um drei Tage explizit das Thema „Degrowth” zu diskutieren, das sich mit „Schrumpfung” nur unschön ins deutsche übersetzen läßt. Das Fazit der Konferenz: Degrowth ist unvermeidlich! Entweder es „trifft” uns als tiefgreifende wirtschaftliche Krise oder als gestalteter Übergang in eine Entwicklung „jenseits der Grenzen des Wachstums”. Ein solcher Übergang erfordert ein entsprechendes Umdenken der einzelnen ebenso wie politische Rahmenbedingungen der Wirtschafts-, Sozial-, Umwelt-, vor allem aber auch der Geldpolitik.

Diese Erkenntnis erfordert die Verantwortung aller Beteiligen: der Wirtschaft, der KonsumentInnenen, der Politk.
Warnende Stimmen werden aber nach wie vor politisch wie wissenschaftlich desavouiert. Bisher ist uns noch immer etwas eingefallen, Bedürfnisse und technischer Fortschritt treiben den Motor der Wirtschaft immer weiter an, sind die gängigsten Gegenargumente. Es ist aber an der Zeit, diese Fragen zumindest offen und ernsthaft zu diskutieren.

6 Comments to Augen zu und durch?

  1. Andreas Lindinger's Gravatar Andreas Lindinger
    Sunday May 25th, 2008 at 12:27 PM | Permalink

    Sehr gelungener Artikel, der eigentlich viel mehr als jener von Günther Strobl (der sich leider zu sehr auf die populären und medial bereits endlos durchgekauten Themen der Steuereinnahmen und Pendlerprobleme fokussiert anstatt das Thema wie hier im Blog im größeren (volkswirtschaftlichen) Kontext der Nachhaltigkeit und notwendigen Energiewende zu sehen) die Ansprüche eines Qualitätsmediums, wie es DerStandard sein will, erfüllt! Es wäre schön und wichtig, wenn Artikel wie dieser hier ein breites Leserspektrum abseits der sich für das Thema der Nachhaltigkeit interessierenden und ohnedies dementsprechend bewusster agierenden Menschen erreicht.

  2. Andreas Lindinger's Gravatar Andreas Lindinger
    Sunday May 25th, 2008 at 12:31 PM | Permalink

    P.S.: Wobei dies keine Kritik an der Zeitung DerStandard sein soll (welche sich gerade vor wenigen Wochen sehr intensiv und informativ im Zuge eines Themenspecials zur globalen Lebensmittelkrise mit einer sehr wichtigen globalen Herausforderung sehr gut auseinandergesetzt hat), sondern vielmehr primär Lob für diesen Artikel.

  3. fritz's Gravatar fritz
    Sunday May 25th, 2008 at 06:14 PM | Permalink

    Danke!
    Fritz

  4. Jürgen's Gravatar Jürgen
    Thursday May 29th, 2008 at 10:50 AM | Permalink

    Guter Artikel! Hat mir wieder gezeigt, dass eine Senkung der Steuern auf Energie, wie sie gerade wieder politisch propagiert wird, nicht die Lösung der Probleme sein kann!

  5. axel's Gravatar axel
    Saturday May 31st, 2008 at 06:18 AM | Permalink

    Stimmt. Wenn ich dieser Tage mit meinem Fahrrad an Tankstellen vorbei fahre, dann kann ich nicht anders: Werfe die Arme hoch und jauchze vor Freude, dass ich diese Preise nicht zahlen muss.

    Ich finde es unglaublich, dass ein ernst zu nehmender Autor zum Thema teures Benzin schreiben kann “wer hätte das gedacht”. Haben die im Artikel erwähnten Mahner (=Rechthaber im positiven Sinne) denn gar nichts bewirkt?

  6. Benedikt's Gravatar Benedikt
    Wednesday June 11th, 2008 at 03:18 PM | Permalink

    ach – wann wird wohl dieser artikel auf den ersten krone zeitungs seiten zu lesen sein?
    lang kanns ja nicht mehr dauern, die energiekrisen (peak oil/cole/gas), die finanzkrise und die lebensmittelkrise schlagen ja schon gleichzeitig zu.

    wie lang kann sich die breite öffentlichkeit noch vor diesen tatsachen verstecken?
    aber wer hätte nicht angst vor dem was uns bevorsteht?

    neue wirtschaftsformen-neue werte
    der untergang der industrie, der ausbeutung, der manipulation
    eine neue gesellschaft
    neue energieformen-höhere energieeffizienz
    eine neue regionale landwirtschaft
    viel verzicht (auf eigentlich gröstenteils eh nur schädliches), aber eben verzicht herr strudel

    und natürlich die rechnung für unser treiben:

    ein stark verändertes klima,
    stürme die mit 600km/h über ebenen fegen
    übermäßige trockenheit gefolgt von jahrtausend hochwässern
    eben noch nie dagewesene naturkatastrophen
    wir werden nicht mehr so alt werden

    usw.

    aber- wahrscheinlich wird es uns geistig, moralisch besser gehen.
    ich bin also positiv gestimmt, weil beschissener als heute kanns einem guten menschen eh nicht gehen.

    wir sehen uns in der zukunft leute

    g benni

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