Frische Erdbeeren?

bild-erdbeeren2.jpgEin halbes Kilo Erdbeeren aus Spanien für 1,99 EUR – damit wirbt derzeit eine Supermarktkette – ein Anlass, sich an einige Untersuchungen zu erinnern, die SERI in letzter Zeit zu den transportbedingten CO2-Emissionen (siehe hier) bzw. dem Wasserrucksack von spanischen Erdbeeren im Vergleich mit heimischen Früchten aus Niederösterreich angestellt hat.Das Ergebnis, dass die CO2 Emissionen, die mit dem Transport von einem Kisterl spanischer Erdbeeren nach Wien einhergehen, um das 40-fache höher liegen als bei niederösterreichischen, ist wenig verblüffend, müssen die spanischen Erdbeeren doch auch 40 mal weiter transportiert werden (niederösterreichische 3,5g CO2, spanische 132g CO2 pro halbem Kilo Erdbeeren). Taugen diese plakativen Zahlen nun aber bereits für eine Kaufentscheidung?

Die CO2-Emissionen des Transports sind nur ein kleiner aber wichtiger Teil der Emissionen von Treibhausgasen in der Lebensmittelproduktion und -verarbeitung (siehe hier). Mit den transportbedingten Emissionen der spanischen Erdbeeren könnte man gerade einmal einen Kilometer mit dem Privat-PKW zurücklegen. Den wesentlichsten Einfluss auf die CO2-Bilanz hat also letztlich der Konsument selbst durch die Wahl des Transportmittels beim Einkauf! Ich erinnere mich an meine Kindheit, da hat die Erdbeerzeit jedes Jahr mit dem Anruf eines Obstbauern im Burgenland begonnen, der Erdbeereinkauf wurde zum Familienausflug umfunktioniert, wir haben am Wochenende den Bauern besucht, getratscht, gekostet, meist mehr gekauft als beabsichtigt, und alle möglichen Freunde mit frischen burgenländischen Erdbeeren versorgt. Ich verbinde heute immer noch den Geschmack von Erdbeeren mit diesen Ausflügen – eine schöne und wertvolle Erinnerung, jedoch hatten diese burgenländischen “Ananas” damals wahrscheinlich das 5-fache des CO2-Rucksacks der spanischen Erdbeeren am Buckel, die jetzt in den Verkaufsregalen stehen!

Als ein weiterer Schritt in einer umfassenderen Nachhaltigkeitsbewertung kann nun der sogenannte Wasserrucksack, also die gesamte Wassermenge, die zur Produktion einer Kiste Erdbeeren notwendig ist, als quantitatives Bewertungskriterium herangezogen werden. Dieser Wasserrucksack ist aber in Spanien geringer als in Österreich, da der Flächenertrag in Spanien um das 3-fache höher ist. Vergleicht man allerdings den Wasserrucksack einer Schale Erdbeeren mit der im jeweiligen Herstellungsland pro Person und Tag zur Verfügung stehenden Wassermenge, kehrt sich das Bild wieder zugunsten des regionalen Produkts um: eine Tasse Erdbeeren nimmt den SpanierInnen also mehr Wasser weg als den ÖsterreicherInnen.

Die Relativität all dieser Zahlenspielereien zeigt, dass den qualitativen Aspekten meiner Kaufentscheidung eine viel größere Bedeutung zukommt. So ist etwa Spanien der weltweit zweitgrößte Produzent von Erdbeeren. Jedoch erfolgt der Anbau in vielen Fällen auf illegalen durch Waldrodung gewonnenen Flächen, und das zur Bewässerung notwendige Wasser stammt zur Hälfte aus illegalen Brunnen, was zum Absinken des Grundwasserspiegels bis hin zur Verwüstung der Anbauregionen führt. Der Vorteil beim Kauf von regionalen Produkten liegt also vielmehr in der Förderung der regionalen Wirtschaft und der Nahversorgung, in der Schaffung von Arbeitsplätzen, im Aufbau einer Beziehung zwischen KonsumentIn und ProduzentIn und letztlich auch in der Erhöhung meiner eigenen Lebensqualität, denn: schmecken uns die spanischen Erdbeeren jetzt überhaupt schon? Gehört nicht zum Geschmack der Erdbeere auch das warme Frühlingswetter, in dem sie gereift ist? Ist die bewusste Vorfreude auf die ersten heimischen Erdbeeren nicht mehr wert, als ein aktuelles billiges Angebot aus Spanien? Wir warten jedenfalls noch auf wirklich frische Erdbeeren…

2 Comments to Frische Erdbeeren?

  1. syber's Gravatar syber
    Saturday July 5th, 2008 at 06:05 PM | Permalink

    Hm, der Kauf österreichischer Erdbeeren ist also nur nachhaltiger, wenn ich sie mit dem Fahrrad abhole? Den Schluss kann ich doch nur ziehen, wenn ich davon ausgehe, dass die billigeren spanischen Erbeeren aus dem Supermarkt auch mit dem Fahrrad abgeholt werden, oder?

  2. Andreas's Gravatar Andreas
    Monday July 7th, 2008 at 07:24 AM | Permalink

    Natürlich: wenn beide mit dem Auto abgeholt werden, sind die österreichischen nur das “geringere Übel” – bzw. ist es aus reiner CO2-sicht eigentlich wurscht, welche Erdbeeren ich kaufe. Mir ging es vielmehr darum, Relationen darzustellen und für eine umfassende Nachhaltigkeitsbewertung zu plädieren. Die CO2-Rucksäcke – noch dazu nur die des Transports – sind eben nur eine Seite der Medaillie. An diesem Beispiel zeigen die “objektiven” Zahlenwerte nur allzu deutlich, wieviel meines CO2-Rucksacks ich eigentlich selbst durch meine eigene Verhaltensweise bestimmen kann.

Leave a Reply

*

 

Highlight: Ernährung


SERI Newsletter | Archive
* required field