Arbeitszeitverkürzung – gut für Beschäftigung und Umwelt?

1930 prognostizierte John Maynard Keynes in seinem Essay „Economic Possibilities for our Grandchildren”, dass sich die Wirtschaftsleistung innerhalb von 100 Jahren um das vier- bis achtfache erhöhen würde. Das „wirtschaftliche Problem“ sei bis dahin gelöst, sodass eine wöchentliche Arbeitszeit von 15 Stunden pro Woche ausreichen würde, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Durch die gewonnene Freizeit hätten Menschen mehr Zeit für soziale Beziehungen, menschliche Erkenntnis und Muße. Inzwischen ist die Weltwirtschaft tatsächlich auf ein Vielfaches angewachsen, von einer so drastischen Verkürzung der Arbeitszeit, wie Keynes sie vorhergesagt hatte, sind wir jedoch weit entfernt. Tatsächlich arbeiteten um die Jahrtausendwende 22% der weltweit Beschäftigten mehr als 48 Stunden pro Woche (ILO, 2010). In einem Hintergrundpapier für die Arbeiterkammer Niederösterreich beschäftigte sich Stefanie Gerold mit der Rolle der Arbeitszeitverkürzung für Beschäftigung und Umwelt.
 
Obwohl in vielen Kollektivverträgen eine verkürzte Normalarbeitszeit (z.B. 38,5 Stunden) festgelegt ist, haben Vollzeitbeschäftigte mit 41,8 Stunden pro Woche nach Großbritannien die zweitlängste Wochenarbeitszeit in der EU. Die Debatte um eine Arbeitszeitverkürzung (AZV) hat in letzter Zeit jedoch wieder an Bedeutung gewonnen. Neben einigen WissenschaftlerInnen treten vor allem ArbeitnehmerInnenvertretungen für eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit ein. So forderte beispielsweise die GPA-djp erst kürzlich die Reduktion der Normalarbeitszeit auf 35 Stunden.

In unserem Hintergrundpapier haben wir zunächst einige grundsätzliche Aspekte von AZV diskutiert, welche Varianten zur Verkürzung der Arbeitszeit existieren, welche Implikationen dies auf die Produktivitätsentwicklung hat und welche Formen des Lohnausgleichs möglich sind.

Auf Basis einer ausführlichen Literaturrecherche wurde die Frage behandelt, inwiefern AZV eine geeignete Maßnahme zur Schaffung von Arbeitsplätzen darstellt. Theoretisch ermöglicht eine AZV, die geleistete Arbeit auf mehr Köpfe aufzuteilen, wodurch die Beschäftigung erhöht bzw. die Arbeitslosigkeit verringert werden kann. Eine Verkürzung der gesetzlichen Arbeitszeit führt jedoch nicht zwangsläufig zu Neueinstellungen. Zudem besteht die Befürchtung, dass eine AZV eine beträchtliche Kostenbelastung für Firmen darstellt und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes beeinträchtigt wird. Anhand von empirischen Studien zu verschiedenen Ländern wird diskutiert, ob von einer AZV tatsächlich positive Beschäftigungswirkungen zu erwarten sind und welche Bedingungen dafür ausschlaggebend sind.

Das darauffolgende Kapitel befasste sich mit der Frage, welche Chancen, aber auch Risiken sich durch eine AZV für Beschäftigte ergeben. Kürzere Arbeitszeiten werden oft in Zusammenhang mit höherer Lebensqualität und positiven Gesundheitsauswirkungen diskutiert. Folge einer AZV könnte jedoch auch eine Arbeitsverdichtung sein, wodurch sich die Gefahr stressbedingter Krankheiten erhöhen würde. Zudem wird oft argumentiert, dass eine Verkürzung der Normalarbeitszeit zur Gendergerechtigkeit beitragen würde, da Frauen dann leichter einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen könnten. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob im Gegenzug auch Männer verstärkt unbezahlte Haus- und Pflegearbeit übernehmen.

Schließlich werden auch mögliche Auswirkungen auf Umwelt- und Ressourcenverbrauch diskutiert, die sich durch eine AZV ergeben können. Länder mit längeren durchschnittlichen Arbeitszeiten weisen auch einen höheren Ressourcenverbrauch auf. Eine Reduktion der Umweltbelastung ist denkbar, wenn sich dadurch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene Produktion, Einkommen und Konsum verringern würden. Bleibt die Gesamtarbeitszeit hingegen konstant und wird lediglich auf mehr Köpfe verteilt, bleibt dieser Effekt aus. Positive Umweltwirkungen könnten sich auch ergeben, da die zusätzliche frei verfügbare Zeit einen ökologisch nachhaltigen Lebensstil ermöglicht. Zwar sind ressourcenschonende Güter und Aktivitäten oft mit einem höheren Zeitaufwand verknüpft; das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Beschäftigte aufgrund von kürzeren Arbeitszeiten nachhaltigere Konsummuster pflegen. So wäre es auch möglich, dass die zusätzliche Freizeit für ressourcenintensive Aktivitäten wie Flugreisen oder Shopping verwendet wird. 

 

Highlight: Ernährung


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