Neuanstrich fürs Wirtschaftswachstum

In den letzten Jahren ist konventionelles Wirtschaftswachstum aufgrund erheblicher Umweltauswirkungen immer stärker in die Kritik geraten: Erneuerbare Ressourcen werden übernutzt, nicht-erneuerbare Ressourcen ausgebeutet, und die Funktionsfähigkeit des globalen Ökosystems wird gestört. Dieses sogenannte Braunes Wachstum hatte durch seine Auswirkungen auf die Natur, die Gesellschaft und die ihr zugrunde liegenden moralischen Werte einen starken Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden. Es wurde vor allem durch Innovationen und steigende Arbeits- und Kapitalproduktivität getrieben. Gleichzeitig kam es jedoch nicht zu einer Steigerung der Ressourcenproduktivität und zu einer Verminderung der Umweltauswirkungen (absolute Entkoppelung).

Als Antwort auf diese Kritik am konventionellen Wachstum und auf die Finanz- und Wirtschaftskrise ist das neue Schlagwort seit einiger Zeit Grünes Wachstum – ein Wachstum, das keine oder nur geringe negativen Auswirkungen auf die Umwelt hat. Die OECD hat dazu eine Green Growth Strategie entwickelt und im Mai 2011 publiziert, die das Ziel hat, Regierungen einen politischen Rahmen und Methoden zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums bei gleichzeitigem Schutz der Umwelt zur Verfügung zu stellen.

In den Vorbereitungen zum 2012 stattfindenden Earth Summit in Rio und als Reaktion auf die Wirtschaftskrise, fordert UNEP, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, mit seiner Green Economy Initiative einen Wandel hin zu einer Grünen Ökonomie. Diese definiert UNEP als eine Wirtschaftsweise, die das menschliche Wohlbefinden steigert, soziale Gerechtigkeit herstellt und gleichzeitig Umweltrisiken und ökologische Knappheiten reduziert. Diese breite Definition entstand als Reaktion auf die Befürchtungen vieler Entwicklungsländer, das neue Mantra der Grünen Ökonomie könne das Ziel der nachhaltigen Entwicklung untergraben, zugunsten einer Wirtschaftspolitik, die sich nur auf Umweltziele ausrichtet.

Der Begriff “Grünes Wachstum” ist auch in der Europa 2020 Strategie zentral, deren Ziel ein intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum ist (siehe Highlight Europe’s Strategy for a Resource-Efficient future).

Die neueste Bereicherung zur Farbpalette der Wirtschaft und ihrer Entwicklung ist das Konzept der Blauen Ökonomie von Gunter Pauli. Deren Ziele gehen über die bereits in den 1970ern aufgekommenen grundsätzlichen Ideen der Grünen Ökonomie hinaus. Die Farbe Blau bezieht sich auf die Ozeane, den Himmel und die Betrachtung unseres Planeten aus dem Weltall, und symbolisiert, dass der Mensch ein Teil der Natur ist, also nicht von ihr getrennt werden kann oder sogar über ihr steht. Pauli und andere fordern die Entwicklung, Verbreitung und Einführung von neuen Geschäftsmodellen, die auf Innovationen basieren und Auswirkungen auf die Umwelt stark und schnell reduzieren.

Welcher Neuanstrich des Wirtschaftswachstums ist nachhaltig?

Wenn Wachstum als ein Mittel zur Förderung von Wohlbefinden verstanden wird, sollte es nicht nur aus umweltpolitischer Sicht nachhaltig (“grün”), sondern auch aus sozialer und ökonomischer Perspektive sinnvoll (“farbenfroh”) sein. Gesteuert durch zielgerichtete Politikmaßnahmen innerhalb eines soliden ethnischen Rahmens kann Wachstum dazu beitragen, dass es weltweit für alle Menschen genügend Nahrungsmittel, Arbeit, würdige Lebensbedingungen, Zugang zu einer qualitativ guten Ausbildung sowie zu Gesundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen gibt, und dass Produktion unter fairen und nachhaltigen Bedingungen stattfindet.

Zu den wesentlichen Säulen, um einen Wandel zu einem wohlstandsorientierten Wachstum auf Basis einer gesunden Umwelt zu erreichen, zählen insbesondere:

  • Konsummuster mit mehr Ressourcen-Effizienz und Ressourcen-Suffizienz
  • Neue Formen von Arbeit, die mehr Flexibilität erlauben und ein ausgewogenes und gesundes Verhältnis von Arbeit und Freizeit garantieren.
  • Eine Verschiebung der Investitionsprioritäten in Richtung höherer Energieeffizienz, erneuerbare Energien, öffentlicher Transport, öffentliche Räume und nachhaltige Landwirtschaft.
  • Maßnahmen zum Stopp von Klimawandel und Biodiversitätsverlusten und zur absoluten Reduktion der Ressourcennutzung.
  • Bessere Methoden, um Ressourcen und Chancen gerecht zu verteilen, und in Folge ein Gemeinschaftsgefühl basierend auf demokratischen Prinzipien zu schaffen.
  • Neue und bessere Indikatoren, die ein klares Bild von dem schaffen, was wirklich für Menschen von Bedeutung ist.

Wirtschaftswachstum bezieht sich lediglich auf steigenden Output. Die Art und Weise, wie wir unsere wirtschaftlichen Aktivitäten, die diesen Output produzieren, gestalten und welchen Anstrich wir ihnen geben, liegt zu einem großen Teil in unserem eigenen Ermessen. Die oben vorgeschlagenen Säulen der Transformation weisen auf eine fundamentale Änderung unserer Institutionen, Denkweisen und Erwartungen hin.

Was SERI dazu beträgt

Unsere Arbeit rund um wachstumsbezogene Fragestellungen fokussiert auf die nationale und europäische Ebene und spricht dabei besonders kontroverse Aspekte an. In vielen unserer Projekte bringen InteressensvertreterInnen (ExpertInnen, politische EntscheidungsträgerInnen, zivilgesellschaftliche Organisationen) mit unterschiedlichem Hintergrund zusammen. Einige unserer aktuellen und kürzlich abgeschlossenen Analysen von politischen Maßnahmen mit Bezug auf Wachstum und Grüne Ökonomie inkludieren:

Wachstum im Wandel

Welche Art von Wachstum wollen wir in der Zukunft, und welchen Zwecken soll es dienen? Die Initiative „Growth in Transition“ beabsichtigt eine Debatte zur Frage, wie der Transformationsprozess in Richtung mehr Nachhaltigkeit gestaltet werden soll, auszulösen. Diese soll zwischen verschiedenen Institutionen und der Öffentlichkeit stattfinden. Seit 2008 organisiert die Initiative verschiedene Events und Projekte zusammen mit ca. 20 Partner Organisationen, unter anderem sechs österreichische Ministerien, sozial Partnern und Unternehmen.

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Auswirkungen einer anhaltenden Wachstumsschwäche

Welche Auswirkungen hätte eine anhaltende Wachstumsschwäche für die österreichische Wirtschaft und welche Arten von politischen Maßnahmen sind angemessen um die daraus folgenden Herausforderungen bewältigen zu können? Im momentanen Klima mit nur geringem globalem Wirtschaftswachstum, sind Szenarien mit geringem Wirtschaftswachstum nicht unwahrscheinlich und müssen antizipiert werden. In diesem Projekt identifizierten wir Gründe, Konsequenzen und Strategien zur Reduktion der Abhängigkeit des Wirtschaftssystems vom Wachstum. Die Modellierung verschiedener Szenarien ermöglicht uns die Analyse von verschiedenen Änderungen im Wirtschaftssystem hin zu einer nachhaltigen Entwicklung und einer Steigerung der Lebensqualität für alle.

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RESPONDER: Verknüpfung von Nachhaltigen Konsum und Wirtschaftswachstum.

Sind Wirtschaftswachstum und nachhaltiger Konsum vereinbar? Zur Beurteilung der Widersprüche zwischen diesen beiden Zielen, bringt das Projekt RESPONDER ForscherInnen und politische EntscheidungsträgerInnen aus verschiedenen Denkrichtungen in einer Serie von Europäischen Dialogen und multinationalen Knowledge-Brokerage-Events zusammen. Um das gegenseitige Verständnis zu erleichtern, und das Problem an den Wurzeln zu behandeln, wird im Projekt die neue Methode “participatory system mapping” verwendet.

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Der ökonomische Nutzen von Umweltpolitik

Wie können Umweltpolitiken zu einer nachhaltigen und widerstandsfähigen Wirtschaft beitragen? In diesem Projekt haben wir die Rolle von umweltpolitischen Maßnahmen in Bezug auf eine kurzfristige Stimulierung der Wirtschaft und auf den Aufbau einer nachhaltigen, effizienten und widerstandsfähigen Wirtschaft in der langen Frist gezeigt. Mit Hilfe dieser Erkenntnisse haben wir ein umweltpolitisches Maßnahmenpakte zur Förderung der Wirtschaft in der Europäischen Union veröffentlicht.

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MAMOD – Makroökonomische Modellierung einer nachhaltigen Entwicklung

Dieses Projekt leistet einen Beitrag zur Europa 2020 Vorzeige-Initiative „Resource-Efficient Europe“ (siehe Highlight Europe’s Strategy for a Resource-Efficient future), durch die Analyse der momentanen Trends und Risiken für die zukünftige Verwendung von Ressourcen in Europa. Neben anderen Aufgaben werden Szenarien erstellt, die mögliche Auswirkungen einer Reduktion von Ressourcen auf die Wohlfahrt, Wettbewerbsfähigkeit, Stabilität, Beschäftigung und Umwelt erklären.

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Weiterentwicklung der Ökosozialen Marktwirtschaft

Welche Rahmenbedingungen sind nötig, damit sich die Dynamik einer Marktwirtschaft innerhalb von ökologischen und sozialen Grenzen bewegt? SERI hat zusammen mit dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) ein Hintergrundpapier für eine Neudefinition der Ökosozialen Marktwirtschaft erstellt. Das Projekt zeigt, dass die Lebensqualität durch Wirtschaftwachstum in der momentanen Ausprägung im Gesamten nicht erhöht wird und erstellt eine Maßnahmenliste mit dem strategischen Ziel der Steigerung der Lebensqualität.

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Highlight: Ernährung


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