SERI-exklusiv mit Ulrike Herrmann: Wie das Wachstum in die Welt kam – und wie wir ihm wieder entkommen können

Im Rahmen von einem Dutzend Interessierten referierte Ulrike Herrmann zunächst über die Historie des Kapitalismus. Im Stakkato lässt sich dies wie folgt zusammenfassen:

 

Zur Entstehung des Kapitalismus Geld: Geld ist nicht gleich Kapital. Mit dem Sesshaftwerden entstand das Privateigentum, damit einhergehend Geld und die Verwendung von Schrift zur Dokumentation etwa von Lagerbeständen. Soweit uns bekannt ist, wurde dies bereits vor rund 4.000 Jahren in Mesopotamien mit Wechseln und Schuldscheinen betrieben. Wesentlich dabei war: Es gab kein Wachstum, sondern eine stagnierende Agrargesellschaft. Die Produktion pro Kopf blieb über Jahrtausende gleich hoch. Ab dem 18. Jahrhundert änderte sich dies. Mit 1760 wurden in Großbritannien die Webstühle mechanisiert und damit setzte die Industrialisierung ein. Zuvor war menschliche Arbeitskraft stets zu billig, womit es keinen Innovationsdruck gab. In GB waren aus historischen Gründen die Löhne höher, als in anderen europäischen Ländern und der Außenhandel mit Tuch geriet zunehmend unter Druck. Es waren HandwerkerInnen, die begannen, Innovation voranzutreiben. Vor allem die Nutzung der Dampfkraft wurde weiterentwickelt. Die Bedeutung von Technik blieb von den Ökonomen dieser Zeit lange unerkannt, und wurde erstmals von Marx unterstrichen. Zusammengefasst:

 

  • Geld war und ist ein soziales, dezentrales Kommunikationsmittel;
  • Geld war immer schon abstrakt
  • Geld entsteht aus dem Nichts (ab dem Moment der Kreditvergabe)

 

Kapital: Heute ist jede/r MitteleuropäerIn 20 Mal reicher, als die Menschen vor sieben Generationen. Dieser Reichtum basiert nicht auf Geld, sondern auf Investitionen (=Kapital). Jedoch konterkariert die heutige Politik die Treiber des Kapitalismus durch das Betreiben von Lohndumping. In Deutschland fielen die Reallöhne im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts um rund 4%. In Österreich stiegen sie in den Jahren von 2003 bis 2008 um 3,8 %, jedoch stieg die Produktivität im gleichen Zeitraum wesentlich stärker. Die Wachstumsgewinne gingen an KapitaleignerInnen, die Rückgänge bei den Reallöhnen der letzten Jahrzehnte erwiesen sich als weltweiter Wachstumsbremser, und führten zugleich zu Finanz- und Vermögensblasen. Gleichzeitig bewirkte es in den letzten Jahren den effektivsten Umweltschutz.

 

Ausstieg aus dem Kapitalismus: Der Kapitalismus entstand ungeplant – Ist ein geplanter Ausstieg möglich? Es gibt zwei ökologische Grenzen: den Klimawandel und die Endlichkeit von Energie und Ressourcen. Beide negiert der Kapitalismus, da er Wachstum braucht. Kapitalismus kann nicht auf dem Nullpunkt gesteuert werden. Kapitalismus ist ein Prozess und nichts Stabiles. Einige Zahlen:

  • Die Wirtschaftsleistung hat sich seit 1975 verdoppelt.
  • Eine Studie ergab, dass sich in jedem Haushalt rund 10.000 Gegenstände befinden, wovon aber nur 5.000 benützt werden.
  • Die Glücksforschung nennt als monetäre Einkommensgrenze (inkl. Bildungsausgaben etc.), ab der keine Steigerung des persönlichen Glücksgefühls mehr feststellbar ist, USD 27.000/ Kopf/ Jahr. Deutschland liegt aktuell bei USD 39.000, Österreich sogar bei USD 42.000.

Das einzig knappe Gut heutzutage ist Zeit. Keynes hatte in seinem Aufsatz „Wie meine Enkel leben werden“ eine 15-h-Woche zur Sicherung des Wohlstandes im Jahr 2030 prognostiziert. Konsum überfordert viele Menschen und schafft kaum Befriedigung. Kann Verzicht die Lösung sein? Niko Paech, Christa Wichterich, Christian Felber, Harald Welzer u.a. prägen den Diskurs und prophezeien eine Kreislaufwirtschaft. Aber: Es gibt keine Brücke vom Kapitalismus zur Kreislaufwirtschaft! Denn: Gibt es kein Wachstum mehr, dann bricht der Kapitalismus zusammen. Symptomatisch dafür: Wenige ForscherInnen beschäftigen sich mit diesem Thema des Übergangs (Ausnahme:  H.C. Binswanger: „Die Wachstumsspirale“), und es gibt bis heute keinen Lehrstuhl für Transformationsforschung. Unternehmen investieren nur mit Aussicht auf Gewinn. Laut Binswangers Berechnungen braucht es ein Mindestwachstum von 1,8% pro Jahr (was einer Verdopplung der Wirtschaftsleistung in 40 Jahren gleichkommt). Die Frage nach einer friedlichen Transformation ist nach wie vor offen.

 

Diskussion:

  • Tendenz zum Oligopolkapitalismus bzw. Zug zum Monopol/Oligopol
  • Der Kapitalismus hat ein Gerechtigkeitsproblem. Allerdings: Eine verstärkte Umverteilung nach unten, etwa durch Besteuerung von Reichtum, erzeugt weiteres Wachstum (lokal wie global).
  • Auch eine Internalisierung von Kosten entlastet die Umwelt auf Dauer nicht.
  • Demokratie gibt es nur in Wohlstandsgesellschaften, die der Kapitalismus hervorgebracht hat.
  • In Krisen des Kapitalismus kamen stets autoritäre Systeme an die Macht, die in Friedenszeiten teilweise wieder zu Demokratien wurden (diese Gefahr besteht auch heute!)
  • Kleine Unternehmen wachsen nicht oder kaum, multinationale Konzerne haben einen Zug zum Wachstum
  • Fallhöhe reduzieren, Brücken bauen, Bottom-up-Prozesse
  • Was geschieht in einer Kreislaufwirtschaft mit den Industriearbeitsplätzen?
  • Das Internet ist ressourcenintensiver als der globale Flugverkehr

 

Fazit:   Es lohnt sich, im System (=Kapitalismus) ein pragmatisches Trotzdem versuchen. Windräder sind besser als Atomkraftwerke. Ulrike Herrmann selbst sieht keinen Ausweg für einen geplanten Ausstieg. Aber: Alle wesentlichen Veränderungen sind ungeplant passiert. Genauso wenig wie der Kapitalismus ungeplant entstanden ist, wird auch sein Ende kommen. Kapitalismus ist ein soziales System, und soziale Systeme sind nicht planbar. Und auch wenn die heutigen DenkerInnen des Wandels an ihre Grenzen stoßen, so heißt das nicht, dass ein Wandel nicht stattfinden wird.

 

Zur Person Ulrike Hermann:

Ulrike Herrmann wurde im Jahre 1964 geboren und ist seit 2000 Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung taz, wo sie auch Parlamentskorrespondentin, Wirtschaftsredakteurin sowie Leiterin der Meinungsredaktion war. Sie ist ausgebildete Bankkauffrau, hat Wirtschaftsgeschichte und Philosophie an der FU Berlin studiert. Zudem war sie Pressesprecherin der Hamburger Gleichstellungs-Senatorin. Sie stammt aus einem Vorort von Hamburg, wo alle Bewohner an den gesellschaftlichen Aufstieg glaubten. Hermann nimmt häufig an Diskussionen in Hörfunk und Fernsehen teil.
Ihre Sachbuchveröffentlichungen beschäftigen sich mit grundlegenden sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen.
  • Älter werden, Neues wagen: Zwölf Porträts. Mit Martina Wittneben. Ed. Körber-Stiftung. Hamburg. 2008. ISBN 978-3-89684-069-1
  • Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht. Westend Verlag. Frankfurt am Main. 2010. ISBN 978-3-938060-45-2 (bis 2012 fünf Auflagen, Taschenbuchausgabe 2012 bei Piper, München, ISBN 978-3-492-26485-3)
  • Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen. Westend Verlag. Frankfurt am Main. 2013. ISBN 978-3-86489-044-4

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