Nachhaltigkeit in Stadtplanung, Bauen und Wohnen

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Das Haus hat vielfältige Bedeutungen für den Menschen. Begriffsgeschichtlich gesehen entspringt das Wort Haus demselben Wortstamm wie „Haut“. Wie die Haut hat das Haus nicht nur die Funktion des Schutzes, sondern auch Identitätscharakter für die in ihm lebenden Menschen –  das Haus ist nach der Haut und der Kleidung sozusagen unsere „dritte Haut“. Das Haus gibt dem Menschen Lebensraum und Arbeitsumgebung. Mit dem Haus, und in weiterer Folge den Städten, hat es sich der Mensch zu eigen gemacht, die Welt und damit auch die Natur nach seinen Vorstellungen zu formen.

Der Bau von Städten und Infrastruktur beeinflusst die Ökologie des Planeten in großem Maße. Gerade in den letzten Jahrzehnten wurden der Erde mehr und immer mehr Ressourcen für den Bau von Gebäuden und Städten entzogen – Ressourcen, die endlich sind, und deren Verknappung durch steigende Rohstoffpreise heute schon spürbar wird. Die Folge sind gravierende Umweltauswirkungen. Weltweit benötigt der Bausektor erhebliche Material- und Energiemengen sowie Flächen, womit seine Bedeutung in der Diskussion um eine zukunftsfähige Gesellschaft weiter steigen wird. Die Art und Weise, wie wir mit baulichen Maßnahmen unsere Lebensumgebung gestalten, wird in den kommenden Jahrzehnten eine große Rolle im Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft spielen. Dieser Wandel, die Transition, braucht neue Wohnformen, die nachhaltige Lebensformen fördern und unterstützen.

Die Baubranche als große Ressourcenverbrauchsmaschine

Bei genauer Betrachtung der Materialströme wird deutlich, wie immens der weltweite Ressourcenverbrauch im Bausektor ist: Etwa 50% der weltweit gesamt entnommenen Rohstoffe, also aller Ressourcen, die die Menschheit verbraucht, fließen in das Bauwesen. Von den mineralischen Rohstoffen sind es sogar 80%. Sehen wir uns den Energieverbrauch an, haben wir ein ähnliches Bild: 40% des Energieverbrauchs der Europäischen Union entfallen auf den Bausektor, mit allen umweltschädlichen Folgen wie etwa CO2-Emissionen. Diese Folgen werden durch andere Konsequenzen des Bauens, wie etwa der Landversiegelung (also der Verbauung von fruchtbarem Land) noch zunehmend verstärkt: in der EU etwa werden jährlich 3% der verfügbaren Flächen verbaut.

Gebäude werden aber nicht nur errichtet, sondern auch wieder abgerissen: Dabei erzeugt die Demontage rund 50% der anfallenden Abfallmengen weltweit. Weit verbreitete Probleme der Baubranche wie etwa Leerstände und schwere Vermietbarkeit zeigen, dass es bei der Bereitstellung von Wohn- und Arbeitsflächen noch sehr viel Verbesserungspotential gibt.

Die gegenwärtige Form des Bauens gibt den Menschen nur selten die erhoffte Lebensqualität. Um diese zu erreichen, muss der Bausektor in Zukunft verstärkt mit den 3 Säulen der Nachhaltigkeit – Ökologie, Soziokultur und Ökonomie – arbeiten. Dies gelingt am besten durch Einbezug der StakeholderInnen in allen Phasen der Planung und Umsetzung eines Bauvorhabens. So kann das Bauwesen die Bedürfnisse der gegenwärtigen Nutzerinnen und Nutzer erfüllen und dabei durch optimierte Ressourcen- und Flächennutzung einen positiven Beitrag zur Erfüllung der Bedürfnisse künftiger Generationen – und nicht zuletzt zur Schaffung von angesichts des fortschreitenden Klimawandels widerstandsfähigen Gemeinschaften – leisten.

Im Folgenden wollen wir etwas näher auf die drei Dimensionen des nachhaltigen Bauens eingehen:

Die ökologische Dimension

Um den immensen Ressourcenverbrauch zu reduzieren, braucht es eine effektivere Nutzung der vorhandenen Ressourcen. Wesentlich ist dabei eine Erhöhung der Ressourcenproduktivität um den Faktor X (Generierung von Lebensqualität bei deutlich weniger Ressourceninput und weniger Belastung des Systems Erde durch die Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz) über den gesamten Lebenszyklus, damit die verwendeten Ressourcen weitgehend nachhaltig genutzt werden können. Zugleich ist eine ökologische Bewertung von Baustoffen, -produkten, Gebäuden, Systemen und Infrastruktur über den gesamten Lebenszyklus wichtig, um Umwelteinflüsse richtig einschätzen und wissenschaftlich fundierte und langfristige Entscheidungen treffen zu können.

Die Probleme eines zu hohen Energieverbrauchs lassen sich mit einem intelligenten Energiemanagement in Angriff nehmen: Partizipative Planungsprozesse unter Einbezug der NutzerInnen, hohe Energieeffizienzklassen bei den Haushaltsgeräten, und Energiemonitoring  durch Smart Metering für Haushalt und Siedlung. Passive und aktive Energiesysteme werden bereits heute weltweit in Vorzeigeprojekten vom Eurogate in Wien bis zum Solar Valley in Dezhou, China umgesetzt.

Auch durch nachhaltiges Produktdesign, Recycling und Abfallvermeidung, sowie eine Erhöhung der Reparaturfähigkeit von Produkten lässt sich der Ressourcenverbrauch verringern. Die ökologische Bewertung von Baustoffen erleichtert einen Umstieg auf Produkte und Rohstoffe, welche die Erde mit einem geringeren ökologischen Fußabdruck belasten.

Der Flächenverbrauch und die damit verbundene ökologisch problematische Bodenversiegelung lassen sich reduzieren, indem Städteplaner dabei helfen, der Zersiedelung entgegenzuwirken und indem bestehende Siedlungen stärker und effizienter genutzt werden. Dieser Aspekt beinhaltet eine starke soziokulturelle Komponente, da die Zersiedelung in besonders starkem Maße mit den kulturell bedingten Einstellungen der Menschen, wie zum Beispiel  dem Wunsch nach einem eigenen Haus im Grünen, zusammenhängt. Wohldurchdachte bauliche Maßnahmen können sehr positiv zur gemeinschaftlichen Nutzung von Infrastruktur beitragen und damit nicht nur ökologische, sondern auch soziale Aspekte von Lebensqualität bedienen. Der Individualverkehr kann durch optimierte und den Bedürfnissen der Menschen angepasste Konzepte für den öffentlichen Nahverkehr erheblich reduziert werden. Auch hier ist die Einbindung von StakeholderInnen während der Planungsprozesse unerlässlich.

Die soziokulturelle Dimension

In den transdisziplinären Planungsprozessen bringen Kooperation und Partizipation der BewohnerInnen, Bauunternehmen, ArchitektInnen, HandwerkerInnen, und anderer Interessengruppen erhebliche Vorteile. Dabei werden Lebensräume geplant, in einer Symbiose aus Wohn-, Freizeit- und Arbeitsbereichen. Bedarfsgerechter und barrierefreier Wohnraum mit flexiblen Nutzungsmöglichkeiten und Raum für spontane, informelle Begegnungen wird geschaffen, und damit das Miteinander und die Gemeinschaft gestärkt. Davon profitiert auch die Integration von Menschen verschiedener Herkunft und von älteren Menschen. In der Forschung sprechen wir dabei auch von einer Erhöhung des Sozialkapitals, das für das subjektive Wohlbefinden von Menschen ganz wesentlich ist. Im Zentrum steht das gesunde Wohnen – ein Lebensraum, in dem sich Menschen körperlich, seelisch und geistig wohlfühlen.

Im Bereich der Produkte und Dienstleistungen kommt es zu einem Paradigmenwechsel: weg vom Produktverkauf und -konsum hin zur Bereitstellung von Lösungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Der Weg dahin wird von Produkt-, systemischen und institutionellen Innovationen begleitet (etwa: Umweltzeichen für Produkte, Gemeinschaftsaktivitäten und Bürgerbeteiligungsprojekte, Konzepte wie Car-Sharing usw.). Dadurch werden Nachbarschaften belebt, es kommt zu sozialer Integration und einem höheren subjektiven Sicherheitsgefühl.

Zugleich braucht es Infrastrukturangebote, damit Nahversorgung, Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur sowie die soziale und kulturelle Infrastruktur für alle gesellschaftlichen Gruppen gewährleistet sind, und gleichzeitig der motorisierte Verkehr und die dafür benötigten Flächen und Ressourcen reduziert werden.

Die ökonomische Dimension

Der Blick auf den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden erlaubt eine erweiterte Wirtschaftlichkeitsanalyse der zukünftigen Gesamtkosten, die die tatsächlichen Kosten eines Gebäudes abbildet. Langlebigkeit und flexible Nutzungsmöglichkeiten der Gebäude resultieren in geringeren Betriebs- und Erhaltungskosten. Durch die Flexibilität sind die Gebäude höher ausgelastet und werden somit effizienter genutzt.

Eine nachhaltige und ganzheitliche Strategie im Bauen und der Stadtplanung, so wie wir sie hier skizziert haben, zieht auch weitreichendere ökonomische Konsequenzen mit sich – es werden Arbeitsplätze geschaffen und gesichert, auch in bisher wirtschaftlich schwachen Regionen. Die Bevölkerung wird in diesen Regionen gehalten und Gemeinden entwickeln sich auf finanziell gesunde Weise. Die Vielfalt der Lebensweisen und der Landschaften wird erhalten und bewusst gefördert.

Bau- und städteplanerische Aktivitäten, welche die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit berücksichtigen, haben sehr positive Potentiale für Gemeinschaften, die es zu bergen gilt. Der verantwortungsvolle und ökonomisch effiziente Umgang mit Ressourcen, innovatives Produktdesign und Technik sowie soziale Innovationen, wie etwa gemeinschaftliches Bauen und Wohnen, verstärken sich in ihrer positiven Wirkung gegenseitig. Die Gesellschaft als Ganzes, und damit auch ihre Wirtschaft, werden widerstandsfähiger – resilient – in einer Welt des beschleunigten Wandels – und sie gestaltet diesen Wandel bewusst und mit dem Ziel einer gelingenden Koexistenz von Mensch und Natur mit.

SERI’s Aktivitäten im Bereich „Nachhaltig Bauen“

Beteiligung an internationalen Think Tanks

Fritz Hinterberger begleitet als Experte den langfristigen Prozess der Entstehung eines Faktor X -Gewerbegebietes in Eschweiler bei Aachen / Deutschland. Im vergangenen Dezember trug er dazu seine Expertise beim Wettbewerb Faktor X – Siedlungen Eschweiler und Inden bei, bei deren Entwicklung SERI die Energie- und  Ressourcenverbräuche unterschiedlicher Baus- und Lebensweisen untersuchen soll. Mehr hier.

Im vergangenen März gab Fritz Hinterberger als Key Note Speaker beim ImmobilienForumWest in Bregenz Einblick in das Thema der Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Seine Präsentation und ein Video-Interview zum Thema sind hier zu sehen, weitere Informationen hier.

SERI-Projekt zu Ökoinnovationen

SERI ist an dem Projekt Eco-Innovation-Observatory (EIO) beteiligt, das den Aufbau eines Analysezentrums für Öko-Innovationen zum Ziel hat. Das Analysezentrum soll eine umfassende Informationsquelle zum Thema Öko-Innovationen in Europa für Politiker, Innovationsdienstleistungsanbieter und Unternehmen bieten. Im Rahmen des Projekts ist der Bericht „Ressourceneffizientes Bauen“ erschienen, der hier nachzulesen ist.

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