Hohe Lebensqualität und weniger Ressourcenverbrauch: Verträgt sich das?

Das große Ganze: Was hat Klimawandel mit der individuellen Lebensqualität zu tun?

Begriffe wie „Klimawandel“, „global change“, „Treibhausgase“ oder „Erderwärmung“ sind in aller Munde, nicht zuletzt wegen der derzeit stattfindenden UN Klimakonferenz in Cancún (29.11. bis 10.12.). Es ist bekannt, dass der Klimawandel Druck auf natürliche Systeme erzeugt und für viele Ökosysteme eine (un)bewältigbare Herausforderung darstellt. Das SERI-Highlight „2010 – The international year of Biodiversity“ hat sich ausführlich mit der Bedeutung von Ökosystemen in diesem Zusammenhang beschäftigt.

Doch nicht nur natürliche Systeme sind vom Klimawandel betroffen, sondern natürlich auch soziale Systeme sind von den klimatischen Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen betroffen: Umweltveränderungen können beispielsweise zu erzwungener Migration führen, da in bestimmten Gebieten die Lebensgrundlagen nicht mehr vorhanden sind. Im EU-Projekt „EACH-FOR“ (Environmental Change and Forced Migration Scenarios) wurden solche direkte und indirekte Auswirkungen von Umweltveränderungen auf die Existenzgrundlage von Menschen analysiert.

Der Klimawandel führt bereits jetzt zu enormen volkswirtschaftlichen Kosten durch Schäden, die extreme Wetterereignisse anrichten (die Münchner Re, die weltweit größte Rückversicherung führt jährlich einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag direkt auf den Klimawandel zurück. Seit 1980 summieren sich die Schäden durch solche Naturkatastrophen nach den von der Rückversicherung erhobenen Daten auf 1100 Milliarden Euro, Details) bzw. durch Anpassungsmaßnahmen, die gesetzt werden (müssen), wie z.B. Bauten von Dämmen, Einrichtung von Warnsystemen etc. Nicholas Stern hat in seinem berühmten Report berechnet, dass die Folgekosten des Klimawandels um ein Vielfaches höher sind, als jene die für eine Stabilisierung der Treibhausgase in der Atmosphäre auf 500-550 PPM aufgewendet werden müssten.

Alle bisherigen genannten Beispiele mögen noch immer in die Kategorie „Ist zwar nicht gut, aber betrifft mich nicht wirklich“ fallen. Es gibt aber auch zahlreiche Beispiele, die uns im alltäglichen Leben begegnen (könnten): Was essen wir, wenn Grundbestandteile unserer Ernährung einfach nicht mehr wachsen? Was passiert, wenn kein Schnee mehr liegt im Winter? Ja, wir werden keinen Wintersport mehr ausüben können, aber was bedeutet das zusätzlich für die Wirtschaft und den Tourismus? Was passiert mit den Arbeitsplätzen der Menschen, die auf Wintertourismus angewiesen sind? Stellt man sich solchen Fragen, wird das Thema Klimawandel plötzlich greifbarer. Man erkennt, dass man selbst ebenso ein Teil dieses Gesamtsystems ist und persönlich mit den Folgen des Klimawandels umzugehen hat.

Und wie hängt das alles zusammen?

Unsere Lebensqualität, also wie zufrieden wir mit unserem Leben sind und wie gut es uns geht, hängt von der Befriedigung unserer Bedürfnisse ab. Um unsere Bedürfnisse (z.B. Partizipation, Kreativität, Verbindung, Freizeit) zu befriedigen, wenden wir tagtäglich verschiedene Strategien an. Die Summe der angewandten Strategien bezeichnen wir zusammengefasst als „Lebensstile“ oder „Lebensweisen“. Das kürzlich im Routledge Verlag erschienene Buch „Sustainable Development. Capabilities, needs, and well-being“ (herausgegeben von Felix Rauschmayer und 2 SERI WissenschaftlerInnen: Ines Omann und Johannes Frühmann) vereint u.a. dieses Bedürfniskonzept mit anderen wissenschaftlichen Denkansätzen und erschließt so neue Verbindungen zwischen nachhaltiger Entwicklung, Bedürfnissen und Wohlergehen.

In unserer modernen Gesellschaft wird das „gute Leben“ größtenteils über materielle Begriffe definiert. Moderne Lebensstile führen oft zu einem Konsumverhalten, das durch den dahinter stehenden Ressourcen- und Energieverbrauch und damit durch einen erhöhten Ausstoß an Treibhausgasen als starker „Treiber“ für Klimawandel gilt. Andererseits gibt es eine wachsende Anzahl an Menschen, die einen weniger konsumorientierten Lebensstil pflegen und bewusst ihren Verbrauch an Ressourcen bzw. Energie so niedrig wie möglich halten und dennoch oder gerade dadurch ihre Lebensqualität erhöhen, z.B. durch mehr Zeitwohlstand der ihnen durch weniger Arbeit entsteht. Wissenschaftliche Untersuchungen (z.B. Hofstetter, Madjar, 2003) zeigen, dass dieses Verhalten die Lebenszufriedenheit bzw. das Glück steigert.

Wie bereits erwähnt, wenden wir unterschiedliche Strategien an, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Die jeweiligen Strategien können nun mehr oder wenig umweltverträglich sein. So kann ich mein Bedürfnis nach Freiheit mit den unterschiedlichsten Strategien befriedigen: ich kann mir zum Beispiel ein Motorrad zulegen, damit durchs Land jagen und durch die unglaubliche Geschwindigkeit und viele PS ein tolles Gefühl von Freiheit erleben. Der Ressourcenverbrauch dieses Vergnügens: eher hoch (Treibstoffverbrauch der Maschine, Ressourcenverbrauch bei der Herstellung der Maschine, etc.). Eine andere Strategie, um mein Bedürfnis nach Freiheit zu befriedigen wäre beispielsweise eine Bergwanderung. Am Berggipfel kann ich ebenso ein tolles Freiheitsgefühl erleben. Wenn ich diese Wanderung gemeinsam mit anderen Menschen mache, die ich gern habe, wird zusätzlich mein Sozialkapital gesteigert. Ressourcenverbrauch dieses Vergnügens: eher gering (wenn ich beispielsweise öffentlich anreise, sehr gering).

Was wir tun können: Strategien verändern!

Was können wir also tun, um unsere Lebensqualität auf eine umweltverträgliche, nachhaltige Art und Weise zu steigern? Wir können unsere Strategien verändern. Die Veränderung der Strategien kann auf zwei Ebenen stattfinden: auf der kollektiven Ebene und auf der individuellen Ebene:

Auf der kollektiven Ebene sind u.a. vielfältige politische Ansätze gefragt, die umweltverträgliche Strategien unterstützen bzw. Anreize für die Wahl von umweltverträglichen Strategien setzen (z.B. strukturelle Änderungen von Förderungen, Gesetzen, etc.). Diese äußeren Vorgänge sind stark von der internen Dimension einer Gruppe/Gesellschaft geprägt: den Werten.

Auf der individuellen Ebene gilt es, uns zunächst unserer Bedürfnisse bewusst zu werden und zu erkennen, welche Faktoren (Werte, Gewohnheiten, Glaubenssätze, Emotionen) und Bedürfnisse für uns persönlich ausschlaggebend für „hohe Lebensqualität“ sind. Anders gesagt, betrifft dies die interne Dimension von uns Menschen. Sind wir uns derer bewusst, können wir unser Verhalten, unseren Lebensstil anpassen und umweltverträgliche Strategien wählen (das wäre die externe Dimension), die uns mindestens das gleiche Maß an Lebensqualität erleben lassen – wenn nicht sogar ein höheres …

Vergleichbar ist dieser Ansatz mit einem Baum. Wie der Baum in der jeweiligen Umgebung wächst und gedeiht hängt zu einem wesentlichen Teil von den äußeren Einflüssen ab: Wind, Wetter, Sonneneinstrahlung, Pflege, etc. (vergleichbar mit der externen Ebene). Genährt wird der Baum jedoch von den Wurzeln (vergleichbar mit der internen Ebene). Sie sind grundlegend für das Gedeihen des Baums, versorgen ihn mit Nährstoffen und geben ihm Halt. Für das Erblühen und Gedeihen des Baumes sind sowohl die Vorgänge, die unter der Erde stattfinden, als auch die, die an der Oberfläche ablaufen, von Bedeutung. Ohne gut verästelte Wurzeln kann der Baum nicht bestehen und erblühen – genauso wenig wie wenn er in der „falschen“ Umgebung eingepflanzt wird.

Durch die Beschäftigung mit der inneren Dimension ist es möglich bestimmte Verhaltensweisen und Entscheidungen zu verstehen und auch langfristig zu verändern. Dies sind langfristige Prozesse, die u.a. durch Bildung beeinflusst werden können.

Und was genau macht SERI diesbezüglich?

In unseren Projekten unterstützen wir Menschen dabei, neue Strategien zu entdecken und sich mit Strategien auseinanderzusetzen, die – trotz gleichzeitiger Schonung der natürlichen Ressourcen – ihre Lebensqualität nachhaltig steigern. Wir behandeln dabei auch gemeinsam mit den Betroffenen mögliche Konflikte oder Spannungen, die beim Versuch nachhaltig(er) zu leben, auftreten können. Einen Konflikt, den sich Eltern häufig stellen müssen: wie bringe ich meine Kinder zur Schule: mit dem Fahrrad, wissend, dass dies evtl. gefährlich sein könnte, manchmal mühsam ist (bei Schnee und Regen), länger dauert oder mit dem Auto, was mehr Energie und Ressourcen verbraucht und den Kindern zudem Gewohnheiten vermittelt, die sie später vielleicht schwer ablegen (mehr dazu, Ch. 8 in Rauschmayer et al. 2011).

Energieverbrauchsstile (www.energisch.at)

Unter dem Energieverbrauchsstil eines Haushalts wird die Art und Weise des energierelevanten Handelns der am Haushalt beteiligten Personen innerhalb eines durch den Lebensstil vorgegebenen Orientierungsrahmens verstanden. Zur Ermittlung des Energieverbrauchsstils eines Haushalts wurde im gleichnamigen Projekt erstmals in Österreich das aus der Motivforschung stammende Konzept der Erlebnismilieus mit dem Energieverbrauch auf Haushaltsebene quantitativ verknüpft. Dazu wird im Rahmen einer repräsentativen Befragung neben den Erlebnismilieus und sozioökonomischen Daten das energierelevante Verhalten privater Haushalten erhoben. Der Energieverbrauchsstil ergab sich schließlich als eine Zuordnung von typischen Konstellationen der Energienutzung zu den entsprechenden Erlebnismilieus und sozio-ökonomischen Parametern.

Eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Projekts: Trotz der Unterschiede in den Energiebedarfsmustern der Erlebnismilieus heben sich Energieeffizienz und Nutzungsverhalten in Summe auf – letztlich verbraucht jeder Haushalt rund 10.000 kWh pro Jahr. „Den“ nachhaltigen Lebensstil gibt es also nicht.

LebensKlima

Das Projekt LebensKlima untersuchte die Zusammenhänge zwischen Klimawandel, Lebensstilen, Lebensqualität und Sozialkapital in zwei Fallstudienregionen (Gmunden und Graz). SchülerInnen befragten Personen aus ihrem Umfeld über ihre Lebensvorstellungen, ihre Umweltschutzhaltung, ihr Befinden und ihre nachhaltige Lebensweise. BürgerInnen aus Gmunden und Graz nahmen an der Umfrage und an den interaktiven Workshops teil.

Aufgrund der Befragungsergebnisse konnten die Befragten sogenannten „Lebensstil-Kulturen“ zugeordnet werden. Es wurden sechs verschiedene Kulturen ermittelt: Wohlstandskultur, Emotionalkultur, Erlebniskultur, Unterhaltungskultur, Entspannungskultur und Bio-Naturkultur. In weiterer Folge wurden konkrete weiterführende Maßnahmen für die beiden Regionen entwickelt.

InContext

Warum ist es bislang noch nicht gelungen, Menschen zu nachhaltigeren Lebensstilen zu bewegen? Wie muss man Menschen ansprechen, um sie von einem ressourcenschonenderen Lebensstil zu überzeugen? Diesen Fragen geht InContext auf theoretischer und angewandter Ebene nach. Im Rahmen des EU-Projektes InContext soll untersucht werden, wie Menschen in Ihrer Gesamtheit angesprochen werden können, um einen Lebenswandel in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung zu fördern.  InContext unterscheidet zwei Arten von Kontexten, innerhalb derer sich die Beweggründe für aber auch Hemmnisse gegen einen nachhaltigen Lebensstil eines Individuums formieren: der externe Kontext individuellen Verhaltens (Politiken, Infrastruktur, Institutionen, Gewohnheiten, Lebensstile) und der interne Kontext (Wissen, Interessen, Werte, Prioritäten, Bedürfnisse).

GeNECA

Das Projekt GeNECA zielt darauf ab, das Konzept der nachhaltigen Entwicklung auf Basis des von Amartya Sen entwickelten Capability (Verwirklichungschancen) Ansatzes zu operationalisieren, und damit inter- und intragenerationale Gerechtigkeit zu verbinden. Dies basiert auf einem integrierten Verständnis von sozialer, ökonomischer und ökologischer Entwicklung. Konkret werden Indikatoren für nachhaltige menschliche Entwicklung (angelehnt an den Human Development Index) entwickelt und anhand von 2 Fallstudien (eine davon in Graz) geprüft und überarbeitet.

Das Projekt ‚BENE’ untersucht, welche Faktoren bürgerschaftliches Engagement im Energiebereich unterstützen sowie die Auswirkung von Engagements im Energiebereich auf die Entwicklung energiesensibler Lebensstile in Österreich. Dabei werden relevante institutionelle Rahmenbedingungen sowie individuelle Ressourcen (z.B. finanzielle und soziale Ressourcen, Wissen, Zeit) und Motivationen (z.B. Werthaltungen, gesellschaftliche Normen, ökonomische Vorteile) für das Engagement analysiert. Darauf aufbauend werden Aktivierungsstrategien entwickelt, um weitere Personenkreise in bestehende Initiativen einzubeziehen. Ein Transfer von good practice Modellen zu weiteren Gruppen bzw. Gemeinden wird angestoßen.

Wachstum im Wandel

Gerade jetzt – angesichts der aktuellen Krise und der intensiven Bemühungen für ein Wirtschaftswachstum – muss mehr denn je die Frage danach gestellt werden, welches Wachstum wir für die Zukunft wollen und welche Ziele damit verfolgt werden sollen. Das Projekt „Wachstum im Wandel” beabsichtigt, möglichst viele Institutionen und Personen in einen Dialog darüber zu involvieren, wie wir diesen Wandlungsprozess in Richtung Zukunftsfähigkeit gestalten können. Ein weiteres Ziel ist, einen Beitrag zu laufenden EU-/internationalen Prozessen zu leisten und darüber in Österreich stärker zu informieren.

Publikationen

Fuchs A., Kaiser A. (HG) (2010). Der Ausbruch aus dem Hamsterrad. Werkzeuge zur harmonischen und befriedigenden Verbindung von Leben und Arbeit. Böhlau. Wien.

Hofstetter P., Madjar M. (2003). Linking change in happiness, time-use, sustainable consumption, and environmental impacts. An attempt to understand time-rebound effects. BAO, Consultrix. Zurich.

Rauschmayer F., Omann I., Frühmann J. (2010). Sustainable Development. Capabilities, Needs, and Well-being. Routledge. UK.

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